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Elisabeth Morack


Indisch kochen

 

Ich hatte mich über die Einladung gefreut, weil sie Abwechslung versprach, mich aber gleichzeitig ein wenig gegrault hinzugehen: Sonntag, 18 Uhr, 27 indische Männer werden kochen. Und was würde ich derweil tun? Die Tische decken?

Ich kam zwei Stunden später und hoffte, die Koche­rei würde fertig sein und ich etwas Leckeres zu essen bekommen. Aber ich musste etwas miss­ver­standen haben: Das Essen war schon vorbei. Der exotische Geruch hing noch, ein wenig befremdlich, in sämtlichen Räumen der großen Altbauwohnung und verstärkte meinen Hunger. Ehe ich mir Leid tun konnte, wurde ich genötigt, mich von den Resten zu bedienen, die reichlich in der Jugendstil-Küche herumstanden. Safranreis, Linsen-Dal, Kichererbsen-Gemüse, Hühner-Curry und Weißkohlsalat wurden mir aufgedrängt. Ich nahm von allem, aber jeweils nur einen kleinen Löffel voll; vielleicht war es ja zu scharf, wer konnte das wissen?

Die Gastgeberin, grauhaarig wie ich, betreute den Jahres­lehrgang für diese Wasserwerksingenieure. Sie stellte mir gelassen die fünf vor, die im Erkerzimmer bequem um den großen Tisch unter der bestickten Lampe saßen, nannte meinen Namen und brachte mir einen Stuhl.

Ich war dankbar, dass ich noch etwas abbekommen hatte, dankbar, dass es mir schmeckte, dankbar auch, dass die jungen Männer sich nicht mit Fragen auf mich stürzten, sondern mir Ruhe für das ungewohnte Essen ließen: Aus Höflichkeit? Oder weil sie ausreichend miteinander beschäftigt waren?

Es herrschte eine Stimmung wie in einem Straßencafé unter Weinreben auf Kreta, wo der hohe Zaun der Sitten mich ausge­schlossen hatte. Auch hier waren alle dunkel­haarig und dunkeläugig, gab es ein beiläufiges Kommen und Gehen, allerdings auf nackten Füßen.

Ich bemühte mich, die Männer nicht anzustarren, die da entspannt saßen, an ihrem Bier nippten, viel und fröhlich lachten und sich in einer Sprache unterhielten, die ich erst nach einiger Zeit als Pidgin-Englisch erkannte. Sie waren so verschieden voneinander. Als einige aus dem Nebenzimmer dazukamen, verstärkte sich der Eindruck. Sie zeigten alle möglichen braunen Hautschattierungen, sie trugen alle denkbaren Bartmoden. Gut die Hälfte war schon füllig um die Mitte, aber einige waren noch jugendlich schlank, ein paar Ältere eher hager. Bei den Größen alles zwischen meiner Schulterhöhe und dem Gardemaß der Gastgeberin. Als habe jemand sorgfältig darauf geachtet, alle Menschentypen des Sub­kontinents vorzustellen.

Ich aß langsamer und langsamer, nahm immer kleinere Bissen. Alle Männer und auch die drei deutschen Frauen waren deutlich jünger als die Gastgeberin und ich. Und alle anderen kannten einander, nannten einander beim Namen, arbeiteten wohl miteinander. Schließlich ging ich in die Küche, um noch etwas nach zu holen, halb, weil ich noch Appetit hatte, und halb, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte.

Ich sah zu, wie die Inder ihre Kenntnis von Eigenarten der Kollegen in freundschaftliche Neckereien ummünzten. So wohlwollend, dass auch der Gehänselte gut gelaunt blieb und in das allgemeine Gelächter einstimmen konnte. Kind­lich, dachte ich, wie auf dem Pausenhof. Und mich lassen sie nicht mitspielen. Ich schob die letzte Gabel Dal in den Mund.

Mir gegenüber lehnte breitbeinig ein Mensch, dessen rundes Gesicht ein mächtiger See­hunds­-­Schnauzer zierte. Er hatte den Gürtel über dem Kugelbauch gelockert und gab sich in holperigem Pidgin als einer der Köche zu erkennen. Als ich das Essen lobte, lächelte er, straffte das Kinn und erklärte mir, wo er kochen gelernt habe, warum er so gut koche, und dass es vor allem auf „good taste“ ankomme. Es gelang mir, zuzustimmen, obwohl ich das albern fand.

Die beiden neben ihm, ein schlanker Glattrasierter und ein Langer mit Menjoubärtchen balzten mit ein paar deutschen Brocken, ausladenden Gesten und feuchten Augen um die Blonde im Minirock, die das zwar genoss, sich aber nach einer Weile mit dem Hinweis entzog, dass man sich ja morgen wiedersehen werde.

Ich war auch mal blond... ich schluckte ein Seufzen hinunter. Sollte ich in das ande­re Zimmer gehen? Ich konnte mich nicht entschließen. Auch das würde voller barfüßiger, gackern­der Inder sein, die sich flezten, als säßen sie nach Feier­abend im Schlafanzug auf dem Balkon.

Als der Koch: „Wi eitu?“, fragte und ich nicht gleich verstand, kam ein noch dickerer, besonders lustiger Glatz­kopf mit „What you name?“ zu Hilfe.

Ingrid.“

German name, ey?“

Ich bestätigte und erkundigte mich nach den Namen der am Tisch Sitzenden. Der Glatzköpfige, der sich als Gruppensprecher vorstellte, der Koch, und der zierliche Sikh hießen alle drei „Singh“. „Aba wi nich vawandt“, sagte der Gruppensprecher und prustete los. Die anderen bestätigten nickend und fielen in sein Gelächter ein. Nur zwei Männer in der Gruppe seien Brüder, aber die sähen einander nicht ähnlich. Singh mean liyinn.“

Excuse me?“ Alle bemühten sich nach Kräften, das Wort so auszusprechen, dass ich es verstehen konnte. Erst nach einem Weilchen drang der Sikh vom anderen Tischende durch: „Lion.“ Ich betrachtete ihn: Sein schwarzer Bart und der mächtige Turban ließen nur schmale Streifen seines Gesichts frei.

Outa evry four Indian one name ‘Singh’,“ erklärte der Koch.

Our group jus five“, ergänzte der Glatzkopf und lachte erneut.

Ein gelbbrauner Mensch, der seine schräg geschnittenen Augen mit einem lang herunter hängenden Schnurrbart betonte, war aus dem anderen Zimmer gekommen. Der Gruppensprecher frozzelte ihn an, da antwortete er: „Remember, me no speak Hindi.“

Ich beugte mich überrascht vor: “Why not?“ Einige Wörter mussten mehrfach wiederholt werden, ehe ich sie erkann­te. Aber schließlich hatte ich doch begriffen, dass Indiens Ver­fassung neben Hindi und Englisch andere Sprachen zulässt.

Nach dieser Anstrengung gingen auch der lustige Grup­pen­­­sprecher, der Hagere und der Mann mit dem Dschingis-Khan-Bart ins Nebenzimmer, aus dem jetzt Singen zu hören war. Indisch, mit vielen Wiederholungen. Sollte ich ebenfalls hinübergehen?

Where did you learn your English?Überrascht blickte ich den Sikh an: Er hatte sich so wenig an der allgemeinen Unterhaltung beteiligt, dass ich erst jetzt wahrnahm, wie gepflegt seine Aussprache war.

As an au-pair in Ireland. And you?

Seine Mutter sei Englisch-Lehrerin, und er habe viel gelesen. Plötzlich fürchtete ich mich nicht mehr vor seinem „zugewucherten“ Gesicht unter dem schweren Turban, sondern sah seine aufmerksamen Augen. Ich strich eine Strähne hinters Ohr, blickte an ihm vorbei und machte meine Stimme so flach ich konnte: „Wird heutzu­tage in Indien noch Kipling gelesen?“

Er lächelte. „Ich vermute. Ich jedenfalls bin mit ihm groß geworden. Meine Mutter hat mir das „Dschungelbuch“ zum Ein­schlafen vorgelesen, und als Jugendlicher habe ich davon geträumt, wie „Kim“ für den Geheimdienst zu arbeiten.“

Oder wenigstens ein so gutes Gedächtnis auszubilden,“ wagte ich mich hervor.

Und sich so geschickt verwandeln zu können,“ er stand auf und setzte sich übereck neben mich.

Die Gastgeberin hat mich später damit aufgezogen, dass wir gar nicht aufblickten, wenn jemand aus dem anderen Raum den Kopf ins Erkerzimmer steckte. Erst als die übrigen in den Flur strömten, um sich die Schuhe anzuziehen, fand ich mich am runden Tisch unter der Lampe wieder, und ich glaube, meinem Gesprächspartner ging es ähnlich.


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