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Elisabeth Morack


Die Fahrt zum Flughafen

 

Bis zu dieser Nacht war sie in der Türkei ausschließlich mit Profis gefahren: mit Busfahrern, Sammeltaxifahrern, Taxi­fahrern, auch mit Lieferwagenfahrern. Bis auf einen jungen Burschen, der auf dem Weg zum Flughafen versucht hatte, sein Taxi zum Abheben zu veranlassen, waren sie alle profimäßig gefahren: rück­sichtsvoll gegen die Kunden, acht­sam gegen sich selbst und sorgfältig mit den Fahrzeugen.

Um ihr die hohen Taxikosten nach Izmir zu ersparen, hatte die Freundin angeboten, ihr Schwiegersohn könnte sie fahren. Vertrauensvoll holte sie ihn um halb zwölf aus der Tee-Kneipe des Bergdorfes ab.

Wegen ihrer kleinen Tochter setzte sie sich nach hinten. Während der ersten halben Stunde, all die Haar­nadelkurven hinunter, hatte er sich höflich, wenn auch mundfaul auf ihre Versuche eingelassen, sich mit ihm zu unter­halten. Als sie die Ebene erreicht hatten, wurden die Pausen zwischen ihren ungelenken Fragen und seinen einsilbigen Antworten länger - bis das Gespräch versiegt war.

Sie genoss den selbst im Dunklen eindrucksvollen Anblick der weiten Felder zu beiden Seiten der Straße, der Hügel­ketten im Hintergrund und der spärlich erleuchteten Dörfer in der Ferne.

Nach einer Weile wurde sie unruhig. Fuhr der junge Mann wirklich dezente Schlangenlinien? Vom Rücksitz aus sah es so aus. Er drehte sein Fenster herunter, obwohl es erst Anfang April und frisch war. War er angetrunken? Sie hatte nichts gerochen. Oder übermüdet? Es war erst Mitternacht. War sein Führerschein so neu? Das wäre kein Grund gewesen, das Fenster aufzumachen...

Als er zum Tanken anhielt, bot sie an, die restliche Strecke zu fahren, falls er zu müde sei. „Nein, nein, kein Problem ...“, wehrte er ab, schlenkerte die Wagenschlüssel um die Finger und stolzierte zum Fahrersitz zurück. Aus Höflichkeit drang sie nicht weiter in ihn - und sollte das die folgenden vierzig Minuten lang heftig bereuen. „Unser Schwiegersohn“, wie er im Hause der Freundin genannt wurde, so dass sie nicht einmal seinen Namen wusste, bretterte die Piste entlang, als gelte es, einen Rekord einzustellen. Noch dreißig Minuten.

In den - beleuchteten - Ortschaften waren trotz der späten Stunde noch Fußgänger auf der Straße, einzeln, zu Paaren oder in kleinen Gruppen. Aber auf freier, laternenloser Strecke schwankte plötzlich ein riesiger dunkler Schatten vor ihnen, von dem viele Stöcke bedrohlich abstanden. Als ihr Fahrer knapp daran vorbeifuhr, erkannte sie, dass es sich um einen, von einem Trecker gezogenen, unbeleuchteten Anhänger voller Stühle handelte, die wohl für eine Hochzeit ausgeliehen worden waren.

Und die beiden Fahrräder? Das Lastendreirad eines Halb­wüchsigen, und das, auf dem ein junger Mann seine Frau quer auf der Stange transportierte, hatte „unser Schwieger­sohn“ die überhaupt gesehen? Noch zwanzig Minuten.

Als sie den vierspurig ausgebauten Teil der Straße erreicht hatten, atmete sie erleichtert auf. Er fuhr jetzt auf der Überhol­spur, das verringerte die Gefährdung durch schwer zu erken­nende, langsame Fahrzeuge am Straßenrand. Aber dann fummelte er sich eine Zigarette aus der Tasche, was die Schlingerbewegungen verstärkte. Und als er auf den Zigarettenanzünder drückte, führte das zu einem so starken Ausschlag des Steuerrades, dass das Auto auf die Gegen­fahrbahn geriet. Glücklicherweise war das nächste entgegen­kommende Fahrzeug weit genug entfernt....

Weiter, immer weiter... Am Sendemast vorbei... Zwischen den Brückenpfeilern für die geplante Autobahn hindurch... Bloß gut, dass ihre Tochter fest schlief.

Endlich passierten sie die letzte Hügelkette, und die weite Ebene, auf der die Straße mit mächtigem Bogen den Flug­hafen umschloss, lag lichtergesprenkelt vor ihnen. Noch zehn Minuten. Wenn nur jetzt nicht noch ...! Sie begann zu beten.

Die Flughafeneinfahrt. Die Polizeikontrolle. Die Auffahrt zu den Abflügen. „Süße, wach auf, wir sind am Flughafen.“ Gottseidank.

Er hob ihren Koffer aus dem Wagen und brachte ihn bis an die Tür des internationalen Teils, wo sie ihm dankte und sich verabschiedete. Kofferinhaltskontrolle, Abfertigungs­schalter suchen ... Es war 0 Uhr 58, um ein Uhr waren sie bestellt. Viele Passagiere drängten sich vor dem Schalter.

Plötzlich stand da ein blonder junger Mann im Anzug, bat um Ruhe und sagte: „Meine Damen und Herren, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir wegen eines technischen Problems erst Montag früh fliegen können. Sie werden zwei Tage als unsere Gäste in einem Feriendorf verbringen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Nachurlaub.“

 

 

 


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