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Elisabeth Morack


 

Murat heißt der Wunsch

Roman-Ms

 

Über sieben Brücken musst du gehn,

sieben dunkle Jahre überstehn,

siebenmal wirst du die Asche sein,

aber einmal auch der helle Schein.

Puhdys

 

      Inhalt
     
Erste Reise   Verliebt
    Entfernt
    Verlobt
    Unterwegs
    Verheiratet
    Kämpferisch
Zwischenspiel   Hoffnungsvoll
Zweite Reise   Gefallen
    Verfahren
    Entzogen
    Getrennt
    Geschieden
    Versöhnt
    Entschieden

 

Erste Reise

Verliebt

Anfang der achtziger Jahre saß Murat eines Nachts hinter seinem zerkratzten Hotel-Tresen an der türkischen Riviera, seufzte und faltete die Zeitung zusammen. Schon den zweiten Abend war diese Fremde nicht gekommen.

Er kippelte seinen Stuhl gegen die Wand, stützte sich zwischen Wand und Tresen ab und balancierte ihn auf einem Bein. Allmählich verringerte er den sichernden Druck: Der Stuhl krachte zurück auf die abgetretenen Dielen. Erneut suchte er das Gleichgewicht, griff gleich­zeitig nach vorne und hinten und drehte sich auf dem rechten Hinter­bein. Nachdem er eine volle Drehung zustande gebracht hatte, stieß er sich ab, um den Stuhl zum Kreiseln zu bringen. Eine Achtelrunde gelang ihm, eine Sechstel…

Die Nachtglocke. Mit drei Schritten war er an der blauen Blechtür mit dem Tulpengitter.

Ein alter Mann mit Strickkäppchen betrat sichernd den winzigen Raum, nach ihm seine in ein Umschlagtuch gewickelte Frau, sein vor Müdigkeit stolpernder Enkel und, zögernd, eine bleiche Fremde in einem langen Mantel. Honigblond. Sie sah sich langsam um. Wo kam die denn her? Und vor allem, wie kam sie ausgerechnet hierher, in seine Flohbude?

Der Alte baute sich vor dem Tresen auf und verlangte ein Zimmer, während seine Frau versuchte, das Gepäck in der Enge so abzustellen, dass es keinem auf die Füße fiel.

Aus den Augenwinkeln sah Murat, wie die Fremde ihre Spange löste, ihre glänzenden Haare schüttelte und die Fülle wieder zusammenband. Als er dem Alten den Zimmerschlüssel aushändigte, stutzte er, blickte sie an und krauste die Nase. Ob sie das war, diese Freundin seiner einstigen Liebe Sabiha, auf die er am Busbahnhof vergeblich gewartet hatte? “Heißt du vielleicht Barbara?”, fragte er.

Ja”, sagte sie und lachte vor Überraschung.

Oh, sie verstand Türkisch. “Du k­ommst aus Berlin?”

Ja?” In der Enge konnte sie nur mit dem Oberkörper zurückweichen.

Langsam und deutlich sagte er: “Du hast eine Medi­zin. Für meine Mutter. In deiner Tasche. Von Sabiha?”

Ja??” Sie ließ den Mund offen vor Verwunderung.

Du kannst bei meiner Mutter schlafen?”

Aber.” Sie schloss ihren Mund, putzte sich die Nase und stimmte schließlich zu. Er bot ihr mit einer Verbeugung seinen Stuhl an, führte die alten Leute nach oben auf ihr Zimmer und ging einen Vertreter besorgen, sowie ein Taxi anhalten.

 

Murat klingelte, schloss auf, steckte das lange Kinn in die Wohnung und rief: “Das ist Sabihas Freundin Barbara. Sie ist mit einem verspäteten Autobus gekommen.” Dann stieß er die Tür vollständig auf, forderte die Fremde mit einer schwungvollen Handbewegung auf einzutreten, zog die Tür hinter ihr von außen zu und sprang mit großen Sätzen die Treppe hinunter zu dem wartenden Taxi.

 

Zurück im Hotel, gab er dem ihn vertretenden Jungen, der sofort aufgestanden war, eine Münze und winkte ihm zu gehen. Die Bei­ne auf dem Tresen, zündete er sich eine Zigarette an. Wieso reiste dieses Weib allein? Ohne Schutz? So weit? Was da passieren konnte.

Aber schön war diese Fremde. Mit der weißen Haut der echten Blonden. Tannenhonigblond, auch gut. Nur, Sabiha war schöner mit ihren braunen Locken. Obwohl er die Fremde nur im Mantel gesehen hatte, war er sicher, dass Sabiha die bessere Figur hatte. Und Zähne wie die Perlmuttperlen einer Gebetskette. Er seufzte. Dreck, dass seine Eltern ihm damals nicht erlaubt hatten, sie zu heiraten.

#

 

Barbara hatte gut und lange geschlafen, trotz des Lärms der schweren Lastwagen, der seit den frühesten Morgenstunden von der Kreuzung heraufdröhnte. Beim Aufwachen Mottenpulvergeruch aus der rutschigen Steppdecke.

 

Obwohl es nach Mitternacht war, waren Murats Mutter Sema und sein Vater Selim noch einmal aufgestanden, um Barbara will­kom­men zu hei­ßen; sie hatten wohl abends auf sie gewartet. Blinzelnd hatten sie im Flur unter der Glühbirne gestanden, alle beide ziemlich klein. Sie legte die Hände übereinander auf ihrem runden Bauch in der überweiten Haremshose und reckte das Kinn. Er stand hinter ihrem Ellbogen, zog die Hose seines rot-grau gestreiften Schlaf­­­­anzuges an den mageren Hüften hoch und fuhr mit der Hand über seine eisgrauen Bartstoppeln. “Hosch géldin: schön, dass du gekommen bist.” So herzlich, wie die Kinder ihrer Klasse winkten, wenn sie auf dem Schulhof deren Weg zur Turnhalle kreuzte.

Hosch buldúk: schön ist es hier”. Barbara hatte das Medikament überreicht, ihre Schuhe zu den vielen anderen gestellt und einen Nagel für ihren Mantel gefunden.

 

Sie rekelte sich ausgiebig, verschränkte die Arme im Nacken, drehte die Melodie „Über sieben Brücken musst du gehn“ in ihrem Kopf aus und sah sich um. In dem dreieckigen Salon mit der Neonröhre fünf Diwane. Dazwischen Hocker mit Kunst­blumen­sträuß­en auf Häkeldeckchen. Ihre grüne Umbauliege stand als einzige in einer Ecke. Es hatte gut getan, sich auszustrecken nach dieser siebzehnstündigen Reise von Istanbul hierher nach Antalya.

Tanja musste schon das dritte Mal bei ihrer Oma geschlafen haben. Ob sie schon geschrieben hatte? Sie fehlte ihr jetzt schon, vor allem das abendliche Schmusen vermisste sie.

Ob sie sich mit ihren Gastgebern verständigen könnte?

 

Semas Küche wirkte so leer, als wären die meisten Geräte in Umzugskartons verstaut. Sie kochte den Tee in zwei Kannen übereinander: unten heißes Wasser, oben Sud. Barbara deckte den Tisch mit Weißbrot, roter Marmelade, Schafskäse und schwarzen Oliven. Sema trug Ha­remshose, Pulli und Kopftuch wie nachts und wunderte sich, dass Barbara keinen Zucker in den Tee nahm. Sie selbst warf zwei Würfel in ihr winziges Glas. Dann fragte sie lispelnd: „Woher kennst du Sabiha?“

Sie. Meine Nachbarin,“ radebrechte Barbara.

Wo ist dein Herr?“

Barbara war sicher, das Wort richtig verstanden zu haben, aber was mochte die andere damit meinen? „Wie bitte?“

Na, dein Ehemann, wo ist dein Ehemann?“

Ich geschieden.“

Wirklich? Und wie viele Kinder hast du?“

Eine Tochter.“

Nur eine Jungfrau”, sagte Sema mitleidig, „ich habe drei Söhne.“

Barbara sagte nicht trotzig: Jungfrauen ich mag, sondern beglückwünschte sie: “Dein Auge leuchtet.” Solche Redewendungen hatte sie im Kurs gelernt.

Semas Augen leuchteten wirklich, smaragdgrün. Als junge Frau war sie sicher eine Schönheit gewesen. Sie nahm ihr dünnes, weißes Kopftuch ab und band es neu. Sie kreuzte die langen Zipfel im Nacken und knotete sie oben zusammen, nachdem sie den kurzen untergestopft hatte, so dass zwei Fingerbreit ihres mittelblonden Haars hervorsahen. Sie mochte nicht viel älter sein als Barbara.

Mit wuscheligen Locken und verquollenen Augen schlurfte Murat, der Nachtportier, herein und machte sich Früh­stück. Er hantierte so mühselig, als müsse er sich an jeden Handgriff erst erinnern.

Sema blieb ruhig sitzen und ließ ihn machen, obwohl türkische Hausfrauen es angeblich als ihre Daseinsberechtigung ansahen, die Familie zu versorgen. Dann fragte sie, warum der Bus Verspätung gehabt habe.

Unfall. Otobüs Istanbul von”, radebrechte Barbara. In der Mitte von Nirgendwo konnte sie nicht ausdrücken. Auf einer nur durch Reifenspuren markierten Piste hatten sie stundenlang eine graugelbe Leere durchquert. “Kamyon” – sie zog die Knöchel auf der Handfläche entlang und schnarrte dazu – “Bus unseren. So Loch.” Sie zeigte armlang und dass es ein ausge­zackter Riss war. “Laster weg. Wir hinterher. Lange,lange. Wir kriegen. Anhalten. Männer raus. Frauen drin.” Nicht einmal zum Fenster hatten die hin­ausgesehen. “Ich raus. Vorsichtig.” Sie zeigte Abstand. “Schoför schreien. Fahrer Bus haut: Fahrer Laster. Fahrer Laster nimmt: großen …” Sie führte Nägel einschlagen vor und holte dann weit aus. “Männer ihn festhalten.”

Natürlich”, sagte Sema, “so gehört sich das.”

Ihren Schreck konnte Barbara nicht mitteilen. Auch nicht, dass sie diese Gewalttätigkeit zunächst als „typisch“ einordnen wollte, bis ihr schuldbewusst einfiel, dass sie auch mit deutschen Teilnehmern schon Ähnliches gesehen hatte.

Und dann?”, wollte Murat wissen. Er strich seine dunkelbraunen Haare zurück, die hinten auf den offenen Kragen seines Oberhemdes stießen.

Zurück. Stadt. Jandarma. Viel Geld. Laster für Bus.” Ein paar hundert Mark, war behauptet worden.

Barbara freute sich über jedes europäische Wort, das sie wiedererkannte, und das ihr das Verstehen und Behalten erleichterte.

Sie lehnte sich seufzend zurück. Das Männer-Teehaus, in das der tür­kische Lehrer aus Frankfurt seine Ehefrau und sie mitgenommen hatte, erwähnte sie nicht. Dass sie wohl die ersten Frauen dort gewesen waren, hatte sie daraus geschlossen, dass die Männer betont nicht zu ihnen hinsahen und der Lehrer sich beim Kellner mit dem Unfall entschuldigte.

Barbara solle noch eine Nacht bleiben, bat Murat, als täte sie ihm einen Gefallen damit. Sabiha habe geschrieben, er solle ihr die Altstadt zeigen. Die ewig lächelnde Sabiha.

Barbara überlegte. Dann käme sie einen weiteren Tag später. Aber jetzt war es auch egal. “Ich danke.” Sie lächelte Murat an. „Gerne“ konnte sie nicht.

 

Im ­Gewirr der Basar-Gassen arbeiteten Handwerker in vorne offenen Betonhöhlen, die nachts mit eisernen Rollläden verschlossen wurden. Dazwischen moderne Läden für Gold und Bekleidung.

Am Meer wur­den stattliche Steinhäu­ser saniert, das war wohl der wich­tigste Teil der Altstadt. Drumherum standen einige traditionelle Holzhäuser, miets­kasernen­ähnliche Blocks und bis zu zehn­stöckige Neu­bauten planlos durcheinander.

Murat erklärte, versuchte ihre Fragen zu beantworten, und lächelte sie gelegentlich aus den Winkeln seiner bernsteinfarbenen Augen an. Manche Zahlen kamen ihr unwahrscheinlich vor; sie sagte nichts, vergaß sie sofort. Aber mit ihm zusammen machte es mehr Spaß. Und sie fühlte sich sicherer als allein zwischen all dem Ungewohnten.

Sie kletterten im Hafen umher, an einer Tee-Kneipe vorbei, einem Kachvee, dessen gro­ße, über das Wasser gebaute Ter­ras­se voller Männer war. Barbara hätte gerne auch einen Tee da getrun­ken und sich von der April-Sonne Kopf und Schultern streicheln las­sen, aber Murat erklärte, in Kachvees hätten Frauen nichts zu suchen. Sie schluckte ihren Ärger über die Benachteiligung hinunter.

Unvermittelt war der Uferweg zu Ende, der an der Werft entlang geführt hatte, in der eifrig geklopft und gehämmert wurde. Weil die beiden nicht zurück­gehen mochten, kraxelten sie am Steil­hang zu einem der alten Festungstürme hoch. Als Barbara an Akazienblü­ten roch, riss Murat eine Rispe ab und überreichte sie ihr schwung­­voll.

Dann saßen sie im Teegarten: Ungestrichene Holzmöbel umgaben eine Laube, in der Tee zubereitet wurde. Sonne, lichter Schatten von jungen Blättern, duftender Goldlack, ein plätschernder Brunnen; wenn das Radio nicht dudelte, konnte man ihn sogar hören. Hier war es leerer, hier saßen auch Frau­en, hier stocherte ein Kleinkind im Kies.

Woher. Du kennst Sabiha?“, wollte Barbara wissen.

Er holte eine spannenlange Kette aus der Tasche. Eine nach der anderen schob er die länglichen schwarzen Perlen mit dem Daumen die Schnur entlang auf die daran hängende Troddel zu. „Ich habe ein paar Jah­re mit ihr zusammengelebt. Als ich zu den Soldaten musste, haben wir uns getrennt.“

Davon hatte Sabiha ihr nichts erzählt. Mit einem noch nicht Achtzehnjährigen hatte die sich abgegeben?

Er senkte den Kopf und sah sie schräg von unten an. “Weißt du nicht, wie ich nach Deutschland kom­men kann?”

Nur heiraten.”

Eindringlicher Blick. “Willst du mich heiraten?”

Sie versuchte ihre Stimme einförmig klingen zu lassen. “Aber: Ich liebe. Dann heirate. Du heirate türkische Jungfrau. Deutschland.”

Er runzelte die Stirn über den Bernstein-Augen. “Bist du nicht geschieden und hast ein Kind?”

Sie nickte.

Dann ist es gut für dich, wenn ich dich heirate.” Er lehnte sich zurück und sah sie erwartungsvoll an.

Aber…” Meinte er, dass die Heirat ihren Status verbessern würde? Sie betrachtete eingehend ihre Fingernägel.

#

 

Murat stampfte seine Kippe in den Ascher und zerquetschte die Zigarettenschachtel in der Faust. “Gehen wir.” Er ließ sich nicht entmutigen von der tiefen Falte zwischen ihren Brauen. Er wollte endlich raus aus dem Fakir-Leben hier. Er wollte einen Mérssedés. Wo er jetzt Barbara getrof­fen hatte, wieso sollte er bei einem Türken in Deutschland, einem Deutsch­länder, um dessen Jungfrau anhalten? Wie sollte er eine kennen lernen? Ohne Verwandte, die vermit­teln kon­nten? Sabiha mochte er nicht fragen.

Allein die Bus­fahrkarte kostete mehr, als er in zwei Monaten verdie­nte. Mit Trinkgeldern. Während Barbara anscheinend Geld machte. Au­ßer­dem: Morgens hatte Mut­ter gefragt, ob sie einen Türken hei­raten würde. Hatte sie: “So Gott will” geant­wortet. Vielleicht wünschte sie sich das?

 

Zum Mittagessen kehrten sie in die Wohnung zurück. Die Mutter war wieder einmal ausgeflogen. Eigentlich ein Skandal; bei keinem seiner Freunde nahm die Mutter sich heraus, so viel unterwegs zu sein und mittags einfach nicht zu kochen. Aber seinem Vater war es wohl recht so, der aß in der Kneipe einen Happen und hatte seine Ruhe.

Also musste Murat selber Essen machen. Er schnitzelte und briet Kartoffel-Dschips zu dem Spinat, der einsam im mannshohen Kühlschrank wartete.

Barbara bat um eine Glasscheibe.

Da ist das Fenster. Was willst du damit?”

Trinken.”

Du willst einen Becher? Du hast nach einer Fensterscheibe gefragt.”

Trotz seiner steinschweren Müdigkeit und obwohl es nicht leicht sein würde, so schnell ein Auto aufzutreiben, wollte er nachmittags mit ihr zum Was­ser­fall hinausfahren. Dort würde es ihr behagen.

#

 

Es gefiel Barbara, dass Murat so selbstverständlich kochte. Die Dschips waren lecker, anscheinend waren türkische Kartoffeln aromatischer als deutsche.

Sie erinnerte sich an eine Fernseh-Reklame vor zwei Tagen in Istanbul: Der neue Kühlschrank wird gelie­fert, schwebt türenschwingend die Straße lang, und die ganze Nachbarschaft kommt angelaufen - um ihn zu bewundern und um tanzend, lachend und singend mitzufeiern, dass die Familie Kara jetzt einen Kühlschrank hat.

 

Sie nahmen Murats dreizehnjährigen Bruder Timur mit auf den Ausflug. Ungelenk faltete der seine langen Glieder auf der Rückbank zusammen. Er hatte die fünfjährige Grund­schule abgeschlossen und lernte beim Bäcker unten im Haus; arbeitete mindestens zehn Stunden täglich, an sechs Tagen die Woche. Zu mehr als einer Lehre habe er den Kopf nicht gehabt, erklärte Murat, der selbst zur Mit­tel­schu­le hatte gehen dürfen. Für den Ausflug hatte der Junge frei­be­kom­men. Barbara erinnerte sich, dass die 48-Stun­den-Woche hier höch­stens für Ver­waltungen und Fabri­ken galt.

Der Wasserfall lag von einem üppigen Park umgeben inmitten trockener Felder. Weil das Blätterdach der Platanen so dicht war, hatte Barbara Mühe, genügend Licht zum Fotografieren zu finden. Schlossbreit to­sten die Was­ser­mas­sen aus Turmhöhe in den Strudeltopf, so dass die Besucher noch in einiger Ent­fer­nung schrei­en mussten. Im Nebel der Gischt flirrte ein Regenbogen.

Hinter dem Fall gab es einen feuchten, dunklen Gang, der zwei balkonähnliche Öffnungen hatte. Davor rauschte das Wasser wie ein rie­si­ger Vor­hang, durchsichtig, grünlich schimmernd und le­ben­dig trotz der Wucht, mit der es herabstürzte. Aber weil Murat ihre Haare anstarrte und sich den Schnauzbart strich, trat Barbara von einem Fuß auf den anderen und beeilte sich, die Höhle wieder zu verlassen.

#

 

Als die Fremde vormittags allein in die Stadt wollte, versuchte Sema, sie zurückzuhalten. Die verstand erst nicht, worum es ihr ging. Dann fragte sie nach einer Begründung. Das war doch selbstverständlich: Eine Frau konnte nicht allein gehen. Noch dazu, wo sie kein Kopftuch trug und nicht einmal ihre Haare hochgesteckt hatte. Wie eine Jungfrau, und so dünn. Wenigstens zog sie sich unauffällig an, fast männlich, trotz des weiten Rockes. Und diese merkwürdigen flachen Treter!

Obwohl Sema ihr strengstes Gesicht machte, wollte die Fremde wohl nicht verstehen. Sie zog die Brauen zusammen und holte ihre Tasche – eine Aktentasche – aus dem Salon. “Gott befohlen.” Sie warf den Kopf zurück und zog die Tür ins Schloss, ohne Semas “Geh lachend” abzuwarten. Geb’s Gott, dass diese Fremde sich gesittet benahm. Nicht dass die Ehre der Familie angetastet würde, weil sie scham­los ihre Schultern herzeigte oder sich gar ansprechen ließ.

Unablässig war Sema von ihrer Mutter zu Bescheidenheit ermahnt worden. Und als sie elf war und ihre blonden Zöpfe und grünen Augen männliche Aufmerksamkeit erregten, hatte die sie geschlagen. Härter geschlagen, nachdem Semas Brustknospen sichtbar wurden, und die Heiratskandidaten einander die Tür in die Hand gaben.

#

 

In der Innenstadt hatte Barbara keineswegs das Gefühl, fehl am Platze zu sein oder sich unziemlich zu beneh­men. Als Touri­stin hatte sie wohl Narren­frei­heit. In Tunis und in Istanbul war sie auch allein umhergegangen. Hier wurde sie nicht einmal angesprochen. Hier irritierte sie lediglich, dass entgegenkommende Männer sich in den Schritt griffen.

Der kürzeste Weg zurück zu Semas Wohnung führte über den Fried­hof, ein Wäldchen mit Pinien und Zypressen. Ein Leichenzug trappelte vorbei. Der Sarg, eine schlichte Holzkiste, war mit ei­ner silberbestickten grünen Satindecke geschmückt. Die Männer wechselten sich beim Tragen ab, ohne anzuhalten: Ein zusätzlicher Träger fiel in den Gleichschritt, reihte sich ein, schob seine Schulter unter den Sarg, dann trat einer der bisherigen Träger zur Seite. Auch von ihnen fasste einer sich zwischen die Beine.

#

 

Zwei Stunden später klingelte die Fremde; Sema war erleichtert. Die andere hatte die Jacke aufgeknöpft, aber hoffentlich unterwegs nicht ausgezogen. Wo sie gewesen wäre?

Gucken.”

Damit ließ sie sich nicht abspeisen. Und was für ein Buch hatte die Jüngere gekauft? Eine Fibel? Für ihre Schüler? Noch im Urlaub dachte die an die Arbeit, gab Geld dafür aus?

Für Sema hatte es in Bulgarien während der Kriegs- und Nachkriegswirren keine Schule gegeben und bei der Ankunft der neunköpfigen Familie in der Türkei war ihre Schulpflicht fast vorbei. Wenn die Mutter sie nicht für die jüngeren Geschwister zu Hause brauchte, wurde sie als Tagelöhnerin mit der Hacke aufs Feld geschickt.

Die Fremde wunderte sich mit einer steilen Falte zwischen den Brauen, dass sie bei einem Leichenzug keine Frau gesehen hatte. Gingen in Deutschland die Frauen etwa auf den Friedhof?

#

 

Nachmittags wollte Barbara weiter nach Manavgat, wo sie bei Sabihas Schw­ester wohnen sollte. Beim Packen vermisste sie ihre Haarbürste und brauchte eine Weile, bis sie sie hinter den bodenlangen, braunen Satinvorhängen fand.

Murat hatte darauf gedrungen, sie zum Bus zu brin­gen; nun aber schlief er so lange, dass sie erst spät wegkamen. Dafür hetzte er sie beim Schuhanziehen: “Haydi, nun mach schon.”

Er bot an, ihre Tasche zu tragen und schlenkerte sie herum, als wäre sie leer. Barbara freute sich; in ihrem Berliner Freundeskreis galt Ritterlichkeit als „unterdrückerisch.“

Auf dem Busbahnhof verkündete Murat mit Nachdruck: “Ich werde mitkommen.”

Aber. Du brauchst. Nicht.” Sie wurde rot. So fürsorglich.

Ich will dich beschützen.” Er lächelte selbstsicher.

Wovor?” Wirkte sie so hilfsbedürftig?

Nachdrücklich sagte er: “Reisen ist gefährlich.”

Eine Stunde Busfahrt? “Was sein?”

Du, als Frau, allein…” Er schien schrecklich besorgt.

Ich schaffe.” Im Überlandbus war sie nicht aufgefallen.

Wehe, dir passiert was, und ich bin schuld.”

Aber: Ich allein Deutschland: Türkei. Und allein Istan­bul: Antalya.” Die türkeierfahrene Sophia hatte sie mitten im Istanbuler Zeitungsviertel sich selbst überlassen.

Ich mach mir Sorgen.” Er legte die Hand auf sein Herz. “Ich hab ein merk­würdiges Ge­fühl. Vielleicht gibt es dieses Haus gar nicht. Vielleicht sind diese Leute nicht da.” Seine Stimme wurde samtig. “Ich werde Sonntag kommen. Warte um zehn an der Bushaltestelle auf mich.”

Wärme in ihrer Magengegend.

 


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